Inhalt und Fokus der Edition

Diese Edition enthält 660 Transkripte von Diplomatenberichten vom russischen Hof in das Heilige Römische Reich. Davon 34 für die Jahre 1690-95 (an den kaiserlichen Hof in Wien und nach Berlin) und 624 für die Jahre 1726 und 1727, sowie teilweise 1728, an nunmehr sechs Höfe (Wien, Berlin, Schleswig, Dresden, Schwerin, Braunschweig-Wolfenbüttel).
Es handelt sich bei diesen Transkripten um das Ergebnis eines Pilotprojekts zur geplanten Open Access Online-Veröffentlichung aller Relationen vom Russischen Hof an andere Höfe in Europa. Das Konzept wurde von Lorenz Erren auf einer Tagung am Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Moskau im Dezember 2010 vorgestellt.Tagungsbericht: Russland und der russische Hof aus der Sicht europäischer und osmanischer Diplomaten (1697-1762). Workshop zur Vorbereitung einer elektronischen Quellenedition, 06.12.2010 – 08.12.2010 Moskau, in: H-Soz-Kult, 21.02.2011, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3552 [21.6.2016] Die Umsetzung erfolgte unter der Projektleitung von Franziska Schedewie, unterstützt von einem Team von Transkribenten. Gefördert wurde das Projekt durch die Krupp-Stiftung und die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius (Oktober 2012 bis September 2014) und das DHI Moskau (Oktober 2014 bis Februar 2015).
Das Korpus der im Projekttitel umfassten und prinzipiell für die Veröffentlichung in künftigen weiteren Projektphasen vorgesehenen Quellenbestände ist außerordentlich groß. Für das Pilotprojekt musste daher eine erste Auswahl getroffen werden, die sich entsprechend dem bewilligten Projektantrag an folgenden Kriterien orientierte:
a) Konzentration auf die Höfe im Heiligen Römischen Reich;
b) Transkription möglichst nur der eigentlichen Berichte, nach vorhandener Entstehungsstufe (s. unten, 4.3.1. Editionsprinzipien). Die übrigen Dokumente in den jeweiligen Akten (Beilagen, Kopien, Weisungen etc.) wurden nicht transkribiert in Stückeverzeichnissen erfasst. Das Verhältnis zwischen transkribierten Dokumenten (660) und erfassten Aktenstücken (1.242) beträgt damit etwa 1:2.
c) Besonders wurde als weitere Grundsatzentscheidung die eingangs genannte chronologische Auswahl getroffen. Es handelt sich um zwei Zeitfenster: Das erste, 1690-95, umfasst die Jahre ganz am Anfang der Epoche Peters I., als dessen Regierung strukturell in vieler Hinsicht noch offen war. Aus diesem Zeitfenster enthält die Edition mit 34 transkribierten Dokumenten nach eingehenden Recherchen in den ArchivenRecherchen zwischen 2010 und 2012 durch Lorenz Erren. wohl alle als vorhanden anzunehmenden Berichte in das Heilige Römische Reich. Das zweite Zeitfenster fokussiert die Jahre 1726-27/8, als sich nach Peters I. Tod 1725 das Russische Reich inmitten der fragilen Übergangsphase unter Katharina I. und Peter II. befand. Auf diese knapp zweieinhalb Jahre bezieht sich mit 626 die deutlich größere Anzahl der weiteren Transkripte. Die große Menge an Quellen aus diesem Zeitfenster erscheint besonders wertvoll, da diese Epoche als untererforscht gilt, die Berichterstattung als großenteils unausgewertet.In jüngster Zeit intensiviert sich das Interesse an der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Vgl. u. a. M. Ju. Anisimov: Rossijskaja diplomatija v Evrope v seredine XVIII veka, Moskau 2012; N. N. Petruchincev: Vnutrennaja politika Anny Ioannovny (1730-1740), Moskau 2014; Christian Steppan: Akteure am fremden Hof. Politische Kommunikation und Repräsentation kaiserlicher Gesandter im Jahrzehnt des Wandels am russischen Hof (1720-1730), Göttingen 2016. Vgl. auch Francine-Dominique Liechtenhan: La Russie entre en Europe: Elisabeth Ire et la succession d´Autriche (1740-1750), Paris 1997. Aus Gründen der Projektkapazitäten fehlen in diesem Zeitfenster ungeachtet der schon großen vorhandenen Anzahl dennoch Transkripte. Diese Lücken, die in den Stückeverzeichnissen im Dokumententeil der jetzigen Edition ausgewiesen sind, sollten in einer künftigen Projektphase unbedingt geschlossen werden.Dies betrifft u. a. insbesondere die Akte 6700 der preußischen Berichte aus dem Geheimen Staatsarchiv, die für das Projekt erst zu einem späten Zeitpunkt angefordert wurde und vorlag. Für sich genommen verweisen solche unvermeidlich bestehen gebliebenen Desiderate nur erneut auf die enorme quantitative ´Wucht´ der Diplomatenberichte aus Russland nach 1700.
Die getroffene chronologische Auswahl lässt sich in dreifacher Hinsicht begründen. Sie erlaubt,
1) diachrone Vergleiche anzustellen und die Epoche Peters I. als Epoche des fundamentalen Wandels historisch zu kontextualisieren. Dafür stehen die zwei Zeitfenster unmittelbar vor Beginn des forcierten Wandels sowie nach dem Tod Peters I., als es darum ging, mit diesem Wandel umzugehen.
2) Die Auswahl erlaubt zweitens, über die großen wie die kleinen Höfe im Heiligen Römischen Reich unmittelbare synchrone Vergleiche anzustellen. Aus der Parallelität der Berichte lässt sich exemplarisch ein Mosaik aus neuen Tatsachen und Zusammenhängen, eine neue verkettete Hoftopographie erschließen. Ein großer Vorteil der Diplomatenberichte besteht darin, dass durch sie die Rollen der kleinen Höfe und Hofparteien zur Geltung kommen, zum Beispiel in ihrer Interaktion mit den großen, mächtigen.
3) Drittens erlaubt die Auswahl, die sprichwörtliche „Europäisierung“ Russlands weiter zu hinterfragen und gleichzeitig diese in ein im Gegenzug gesteigertes Interesse Europas an Russland einzuordnen.
Dieses gesteigerte europäische Interesse wird im folgenden zweiten Kapitel vorab skizziert. Dabei handelt es sich nicht um eine auf den Quellen des Dokumententeils basierte, systematische und künftigen Forschungen mit der Edition vorgreifende Analyse. Angesichts des kaum begrenzbaren Facettenreichtums der Thematik handelt es sich auch nicht um einen vollständigen Forschungsüberblick. Es geht darum, einleitend einen inhaltlichen, narrativen Rahmen wie auch eine Verbindung zwischen den beiden Zeitfenstern der Edition herzustellen. Anschließend daran werden im dritten Kapitel (Der Quellenwert der Edition) einige Felder vorgeschlagen, auf denen Forschungsfragen mit den Quellen der Edition gewinnbringend bearbeitet werden könnten. Das vierte Kapitel beleuchtet Aspekte der Editionsgeschichte und der Editionsprinzipien.

Russland im Blick europäischer Interessen

Nach 1700 war das Russische Reich in das bestehende Netzwerk der europäischen Diplomatie integriert.Vgl. zur Entwicklung der außenpolitischen Beziehungen in Europa um 1700 u. a. Heinz Duchhardt: Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700-1785, Paderborn u. a. 1997 [= Handbuch der Geschichte der internationalen Beziehungen, hg. v. Heinz Duchhardt u. Franz Knipping, Bd. 4], u. a. S. 139-54. Große und kleine Höfe investierten mit Aufwand und viel Geld in eigene Abgesandte, um Nachrichten aus erster Hand über das Zarenreich – ab 1721 selbst erhobenes Kaiserreich – zu erhalten. Die Intensivierung der Beziehungen hatte schon im 17. Jahrhundert eingesetzt.Vgl. als Überblick zu Kontinuitäten und Wandel um 1700 z. B. Paul Bushkovitch: Peter and the Seventeenth Century, in: Modernizing Muscovy. Reform and social change in seventeenth-century Russia, hg. v. Jarmo Kotilaine u. Marshall Poe, London – New York 2004, S. 461-475. Ihren maßgeblichen Schub erhielt sie während und nach der Regierungszeit Peters I. 1689-1725, so dass im Stichjahr 1727 – dem Jahr, in dem die erste breiteste parallele Korrespondenztätigkeit gemäß heute vorhandener Quellen zu verzeichnen istDen Archivbestands- und Editionsangaben als ungefähren Richtwerten zufolge berichteten 1727 Diplomaten parallel an elf ausländische Souveräne. 1717 waren es mit zehn (inkl. Braunschweig-Hannover, bis 1719) fast genauso viele. Auch England hatte 1717, aber nicht im Jahr 1727, einen diplomatischen Vertreter am russischen Hof. Vgl. Walter Mediger: Mecklenburg, Russland und England-Hannover 1706-1721. Ein Beitrag zur Geschichte des Nordischen Krieges, Hildesheim 1967; ders.: Moskaus langer Weg nach Europa, Braunschweig 1952. – Europäische Höfe und Staaten, die in ihren Archivbeständen vor 1700 diplomatische Kontakte mit Moskau (in allerdings viel geringerem Umfang und selten parallel zueinander) verzeichnen, waren: Dänemark, der Wiener Kaiserhof, Preußen, Sachsen, England, Frankreich, die Niederlande, Polen, das unter polnischer Oberhoheit stehende Kurland, Schweden. – Diplomaten nebeneinander an folgende Höfe bzw. Staaten aus Russland berichteten: Dänemark,The Danish National Archives (Rigsarkivet), dort u. a.: Tyske Kancelli, Udenrigske Afdeling: Rusland. Vgl. zu diesem Bestand auch Walther Kirchner: The Death of Catherine I of Russia, in: The American Historical Review 51, 2 (1946), S. 254-61, hier S. 254. Frankreich,Archives Nationales, Paris: AE/B/I u. III; ebd., Russie, corresp. politique. Edition unter dem Titel: Diplomatičeskaja perepiska francuzskich poslov i poslannikov pri russkom dvore, Č. 6 (1726 i 1727 g. po 7 maja), in: Sbornik Imperatorskago Istoričeskago Obščestva [im Folgenden: SIRIO], Bd. 64, St. Petersburg 1888. die Niederlande,Nationaal Archief, Den Haag, Inventaris van het archief van de Staten-Generaal, (1431) 1576-1796; ebd., Legatie in Rusland, (1710) 1720-1810. Schweden,Riksarkivet, Stockholm: Muscovitica / MRA III. Spanien,Pis´ma o Rossii v Ispaniju Duka De-Lirija, in: Osmnadcatyj Vek. Istoričeskij Sbornik, Kniga 2, hg. v. Petr Vartenevyj, Moskau 1869, S. 5-198. sowie an den Kaiserhof in Wien,Österreichisches Staatsarchiv / Haus-, Hof- und Staatsarchiv: AT-OeStA/HHStA, StAbt, Russland II, 03, 04 (siehe Dokumententeil dieser Edition). Vgl. zu diesen Beständen auch Alexander Brückner [Brikner]: Avstrijskie diplomaty v Rossii po dokumentam venskogo archiva, in: Vestnik Evropy 18 (1893) 12, S. 506-558. Braunschweig-Wolfenbüttel,Niedersächsisches Landesarchiv-Staatsarchiv Wolfenbüttel: NLA-STAWO 1 Alt 6, 223, 224, 229-232, 238, 239, 243-248 (siehe Dokmententeil dieser Edition). Vgl. auch als Edition: Manfred von Boetticher (Red.): Braunschweigische Fürsten in Russland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1998. [= Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung, Heft 54]. Holstein (Schleswig),Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv: LASH, Abt. 8.1., Nr. 1407, 1408, 1412. Mecklenburg (Schwerin),Landeshauptarchiv Mecklenburg-Schwerin: LHAS, 1155. Preußen (Berlin)Geh. Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz: GStA I. HA Geheimer Rat. Rep. 11 Auswärtige Beziehungen, Akten, 6699-6703 (siehe Dokumententeil dieser Edition). Edition unter dem Titel: Gustav von Mardefeld: Diplomatičeskie dokumenty, otnosjaščiesja k istorii Rossii v XVIII veke: Iz del Prusskogo gosudarstvennogo Archiva v Berline, in: SIRIO, Bd. 15 (1875), S. 175–414. und Sachsen (Dresden)Sachsen in Personalunion mit Polen vertreten 1721-34 durch Johann Le Fort. Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden: HStA, 10026 / Geh. Kab. Loc. 3023-02, 03, 04 (s. Dokumententeil dieser Edition) Frühere Edition unter dem Titel: Diplomatičeskie materialy sbornogo soderžanija, otnosjaščiesja k carstvovaniju Petra Velikogo: Soobščeno iz drezdenskogo glavnogo gosudarstvennogo archiva professorom marburgskogo universtita Ernstom Germanom, in: SIRIO, Bd. 20 (1877), S. 1–78; Jean Le Fort: Diplomatičeskie dokumenty, otnosjaščiesja k istorii Rossii v XVIII stoletii. Pervoe desjatiletie so vremeni zaključenija ništadtskago mira. 1721-1731. Soobščeny iz del Saksonskogo gosudarstvennogo archiva v Drezdene professorom Marburgskogo universiteta Ernstom Germanom, in: SIRIO, Bd. 3 (1868), S. 317–532; Jean Le Fort, Moritz Karl Graf von Lynar: Diplomatičeskie dokumenty, otnosjaščiesja k istorii Rossii v XVIII stoletii. Pervoe desjatiletie so vremeni zaključenija ništadtskago mira. 1728-1734. Soobščeny iz del Saksonskogo gosudarstvennogo archiva v Drezdene professorom Marburgskogo universiteta Ernstom Germanom, in: SIRIO, Bd. 5 (1870), S. 295–479. im Heiligen Römischen Reich.Nur England fehlte als Hauptakteur in diesem Jahr. Vgl. zu England die veröffentlichten Berichte in: SIRIO, Bd. 39: Diplomatičeskaja perepiska anglijskich poslov pri russkom dvore. Č. 3 (1704 po 1708), St. Petersburg 1884, Bd. 50: Diplomatičeskaja perepiska anglijskich poslov pri russkom dvore, Č. 4 (gody s 1708 po 1712), St. Petersburg 1886, Bd. 61: Diplomatičeskaja perepiska anglijskich poslov pri russkom dvore, Č. 5 (gody s 1712 po 1719), St. Petersburg 1888, Bd. 66: Diplomatičeskaja perepiska anglijskich poslov pri russkom dvore, Č. 6 (gody s 1728 po 1733), St. Petersburg 1889. – Diplomaten aus dem (zum Teil europäischen) Osmanischen Reich hielten sich ab und zu, auch 1727 auf der Durchreise, aber nicht regulär, in Moskau bzw. St. Petersburg auf; vgl. z. B. Aysel Yıldız: One Man´s Campaign: Şedî Osman´s diplomatic Mission to Russia, in: Gunda Barth-Scalmani, Harriet Rudolph, Christian Steppan (Hg.): Politische Kommunikation zwischen Imperien. Der diplomatische Aktionsraum Südost- und Osteuropa, Innsbruck – Wien – Bozen 2013, S. 155-78, hier S. 178.
Die Zunahme und Auffächerung der Berichterstattung aus Russland lässt sich auch an den reinen Zahlenwerten zeigen, die sich bei dem vorliegenden Pilotprojekt von nur einem Teil des gesamten Korpus der Diplomatenberichte, d.h. nur die an die Höfe im Heiligen Römischen Reich und allein aus den beiden Zeiträumen 1690-95 und 1726-27/28, ergaben. Während der gesamte Umfang der frühen Archivdokumente ca. 500 Seiten (und nur nach Wien und Berlin) abdeckte, belief sich der entsprechende Zahlenwert im zweiten Zeitraum allein schon für das Jahr 1727 auf ungefähr 10.000.Eigene Berechnung auf Grundlage vorliegender Aktenscans. Auch die Anzahl der Empfänger hatte sich im Heiligen Römischen Reich verdreifacht. Abgesehen von möglichen Verlusten in der Überlieferung, die hier nicht berücksichtigt sind: Wie ist dieses exponentiell gesteigerte Interesse an Russland zu erklären?
Schon die Berichte der 1690er Jahre galten den militärischen, bündnispolitischen, ebenso den nicht weniger strategisch-wichtigen konfessionellen, missionarischen Zielen und Sondierungen. Als deutsche Kaiser hatten sich die Habsburger schon während des ´Großen Türkenkrieges´ 1683-1699 gegen das Osmanische Reich 1686 mit Russland verbündet.Als eingehenden Überblick zu den frühen diplomatischen Kontakten vgl. Barbara Conrad-Lütt: Hochachtung und Mißtrauen: Aus den Berichten der Diplomaten des Moskauer Staates, in: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 11.-17. Jahrhundert, hg. v. Dagmar Herrmann, München 1988 [= West-östliche Spiegelungen (s. Anm. 47), Reihe B, Bd. 1], S. 149-178. Vgl. auch Christine Roll: Auswärtige Politik und politisches Weltbild. Zar und Kaiser in der europäischen Politik des 17. Jahrhunderts" [im Erscheinen]. In den kaiserlichen sowie auch in den brandenburgisch-preußischen Relationen wurden die Verhältnisse an der russischen Staatsspitze – der showdown-artige Machtkampf der Regentin Sof´ja Alekseevna mit ihrem Halbbruder Peter I. und dessen Doppelregierung mit dem Halbbruder Ivan V. – registriert und bewertet, ebenso wie die praktischen administrativen und interkulturellen Bedingungen des diplomatischen Kontakts mit Moskau und die Beziehungen des Moskauer Staates mit anderen, auch südlichen und östlichen Nachbarn, namentlich den „Türcken“, den „Crimische[n] Tartaren“ und Persien.Relation Nr. 18
Neuerungen und zäsurartige Ereignisse mit katalytischem Effekt und lang anhaltenden Folgewirkungen durch den russischen Herrscher und am russischen Hof waren danach zuerst Peters I. Große Gesandtschaft 1697-98: die erste, ausgedehnte und spektakuläre Auslandsreise eines russischen Zaren, selbst wenn Peter diese inkognito unternahm.Vgl. zu den diplomatischen Implikationen der Reise, besonders zur Begegnung Peters I. und des Kaisers in Wien, zuletzt Jan Hennings: The Semiotics of Diplomatic Dialogue: Pomp and Circumstance in Tsar Peter I´s Visit to Vienna in 1698, in: International History Review 30 (2008), 515-44. Vgl. auch Dmitrij u. Irina Guzevič: Pervoe evropejskoe putešestvie carja Petra. Analitičeskaja bibliografija za tri stoletija 1697-2006. Unter Mitarbeit von Emmanuel Vaegemans, Sankt-Peterburg 2008. Es folgten der schon begonnene, doch nun unaufhaltsame und unübersehbare Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht durch Expansionswille und militärische Siege im Nordischen Krieg 1700-21,Vgl. als Überblick zur Geschichte des Nordischen Krieges unter dem Aspekt des Aufstiegs Russlands Duchhardt: Balance of Power, S. 237-58. Vgl. auch als immer noch gültiges Standardwerk zur Geschichte Peters I. Reinhard Wittram: Peter I. Czar und Kaiser. Zur Geschichte Peters des Großen in seiner Zeit, 2 Bde., Göttingen 1964, hier besonders Bd. 1, S. 189-395. gleichzeitig die Anfänge einer russischen Heiratspolitik mit ausländischen Höfen, begonnen mit Kurland (1710), Braunschweig-Wolfenbüttel (1711), Mecklenburg (1716) und Holstein (1725). Eine als Außenpolitik angelegte Heiratspolitik war unter Peter I. nicht nur aktiv verfolgt, sondern überhaupt neu initiiert und erst möglich gemacht worden.Vgl. Christine Roll: Dynastie und dynastische Politik im Zarenreich. Befunde und Überlegungen zur Heiratspolitik der Romanovs im 17. und 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 8 (2007), S. 77-102. Dynastische Heiraten ins Ausland waren bis ins 17. Jahrhundert aus konfessionellen Gründen nicht möglich. – Roll betont in ihrem Beitrag, dass die Heiratspolitik der Romanov gegenüber anderen Mitteln, z. B. Verträgen, einen geringeren Stellenwert einnahm, nicht zuletzt weil die Romanov den Verflechtungsvorsprung der anderen Dynastien ohnehin nicht hätten einholen können, vgl. ebd., S. 100. – Vgl. zur selben Thematik František Stellner: Die dynastische Politik des russischen Imperiums im 18. Jahrhundert, in: Prague Papers on History of International Relations 7 (2004), S. 33-55. Dynastische Verbindungen – die ihrerseits weitere neue VerschwägerungenInsbesondere erfolgte über die Verheiratung des Carevič Alexej mit Charlotte Christine aus dem Haus Braunschweig-Wolfenbüttel die Verschwägerung mit dem Kaiser Karl VI, welcher ihre Schwester Elisabeth Christine geheiratet hatte. und Verwandtschaften hervorriefen – und diplomatische Beziehungen gingen in der Folge einher. Wie aus vielen Darstellungen seitdem bekannt, wandelte sich das europäische Russlandbild unter aktivem Einfluss einzelner Akteure wie dem Frühaufklärer Leibniz von dem eines wilden, barbarischen Raumes zu einem solchen mit Schlüssellage zwischen Europa und China. Diesen galt es im westlichen Sinne zwar immer noch zu ´missionieren´; er bildete aber schließlich auch das Reich eines Herrschers, mit dem eine dynastische Verbindung in der höfischen Konkurrenz nicht ehrenrührig, sondern attraktiv erscheinen konnte.Vgl. zu Leibniz und Russland z. B. Mechthild Keller: Wegbereiter der Aufklärung: Gottfried Wilhelm Leibniz' Wirken für Peter den Großen und sein Reich, in: Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 9.-17. Jahrhundert, hg. v. Mechthild Keller, unter Mitarb. v. Ursula Dettbarn u. Karl-Heinz Korn, München 1985, S. 391-413. Weniger umfänglich als diese veränderlichen Russlandbilder wurde in der Historiographie bisher thematisiert, wie weitgehend Russland bei zunehmenden Verflechtungen seit dem 18. Jahrhundert politisch als festgelegt, als fest vereinnahmt durch antagonistische Lager auf der politischen Landkarte zählte.Vgl. z. B. Duchhardt: Balance of Power, S. 152. Nach 1709 war Russland an allen größeren Höfen Europas ständig vertreten, ebd., S. 144. Vgl. auch Liechtenhan: La Russie (s. Fn. 3), außerdem z. B. Imperial Russian foreign policy, hg. v. Hugh Ragsdale u. V. N. Ponomarev, Cambridge UP ND 1994; hier v. a. Hugh Ragsdale: Introduction: the traditions of Imperial Russian foreign policy – problems of the present, agenda for the future, in: ebd., S. 1-18; E. V. Anisimov: The imperial heritage of Peter the Great in the foreign policy of his early successors, in: ebd., S. 21-35; Hans Bagger: The role of the Baltic in Russian foreign policy, 1721-1773, in: ebd., S. 36-72. Die Steigerung der Informationsbedürfnisse ist vor dem Hintergrund dieser Frage jedenfalls zu erklären. Im Zuge der „Entdeckung“ Russlands als neuen politischen Faktors in Europa, auch als neuer Projektionsfläche für Ordnungsvorstellungen, Zugewinne und Visionen, sollten die überkommenen Rivalitäten und aktuellen Konfliktlinien gleichermaßen dort ihren Niederschlag finden, wurden diese durch die am russischen Hof konzentrierten Diplomaten und andere Entsandte stellvertretend dort verhandelt. Die Auseinandersetzungen der mächtigen Höfe (z. B. der Habsburger mit dem Osmanischen Reich, Frankreich und – später – Preußen) sollten sich in der Russlandpolitik und am russischen Hof ebenso kondensieren wie schon frühzeitig die Aspirationen der kleinen Höfe (Holstein!;Vgl. z. B. Eckhard Hübner: Ferne Nähe: Die Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und Russland in Mittelalter und Neuzeit, Kiel 2003; Lukitschev, Michail / Witt Reimer: Die Gottorfer auf dem Weg zum Zarenthron. Russisch-gottorfische Verbindungen im 18. Jahrhundert, Schleswig 1997. - Herzog Karl Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf heiratete 1725 Anna Petrovna, die älteste Tochter Peters I.. Diese Heirat barg politischen Zündstoff, da Anna damals als russische Thronfolgerin galt. Gestützt auf russische Militärmacht hätte Karl Friedrich sogar seine Thronansprüche in Schweden und seine Forderung nach Rückgabe des (seit 1715 von Dänemark besetzten) Landesteils Schleswig durchsetzen können. Die holsteinischen Ambitionen bestimmten zwei Jahre lang zu einem guten Teil die europäische Diplomatie; beendet wurden sie durch die Thronbesteigung Peters II. 1727 in Russland, den Tod Anna Petrovnas 1728, bereits in Kiel, und den Kongress von Soissons (1728). auch MecklenburgHerzog Karl Leopold zu Mecklenburg-Schwerin heiratete 1716 Ekaterina Ivanovna, Nichte Peters I. Zerstritten mit der mecklenburgischen Ritterschaft, stellte er sein Land dem Zaren im Nordischen Krieg als militärisches Aufmarschgebiet zur Verfügung und hoffte, sich mit Hilfe der russischen Truppen gegen die ständische Opposition behaupten zu können. Allerdings hielt Peter seine Unterstützung nicht aufrecht, und auch Ekaterina Ivanovna kehrte 1722 nach Russland zurück und sollte ihren Ehemann nicht wiedersehen. Dessen spätere Versuche, mit ihrer Hilfe und der offizieller Gesandter russische Unterstützung zu gewinnen, blieben selbst nach Regentschaftsantritt seiner Tochter Anna Leopoldovna 1740 in Russland erfolglos. Vgl. zu Ekaterina Ivanovna und Anna Leopol´dovna z. B. Evgenij V. Anisimov: Five Empresses. Court Life in Eighteenth-Century Russia, Westport, Conn. – London 2004, S. 127-170. ) und die virulenten Anstrengungen von Staaten und Kirchen um die Durchsetzung und Koexistenzen der Konfessionen.Vgl. hierzu schon die ersten Berichte nach Preußen in dieser Edition. Direkte Kontakte mit dem russischen Hof waren für alle Teilnehmer daher nicht nur für potentielle eigene Allianzen relevant, sondern auch zum Zweck der detaillierten Information – und zwar auch über die anderen ausländischen Diplomaten als Interessenvertreter, welche sich dort aufhielten. Geographisch weit entfernt und mühsam erreichbar, aber doch ungeachtet der aus heutiger Sicht höchst begrenzten Mittel der schnellen Kommunikation, entwickelte sich der russische Hof in St. Petersburg bzw. Moskau bald zum Umschlagplatz für diplomatische Nachrichten und zu einem anderen Zentrum und Zielort im Netzwerk der internationalen Beziehungen. Schon für die Epoche nach Peters Tod 1725 gewinnt man aus den Relationen der diversen Gesandten sogar das eindrückliche Bild einer eigenen, globalisierten diplomatischen Welt.Dieses Bild konturiert sich z. B. dadurch, dass die Diplomaten sich untereinander kannten und persönlich einzuschätzen wussten, selbst wenn sie an anderen Orten eingesetzt waren. Viel mehr und ausgiebiger, als man es vielleicht erwarten würde, wurden in den Relationen aus Russland auch Angelegenheiten gesamteuropäischer Bedeutung diskutiert. Die Diplomaten – als Mitglieder der europäischen Adelsgesellschaft und verwoben in ein komplexes soziales und kulturelles System mit fließenden Übergängen zwischen Politik und PrivatlebenVgl. Tagungsbericht: Russland und der russische Hof aus der Sicht europäischer und osmanischer Diplomaten (1697-1762). [s. Fn. 1], hier insbesondere den Hinweis auf Lucien Bély, Espions et ambassadeurs au temps de Louis XIV, Paris 1990, ebd., Anm. 1. – kannten sich untereinander und wussten über ihre in andere Zentren beorderten Kollegen Bescheid.
Russland als ´peripheres Zentrum´ war des Weiteren durch neue Konjunkturen bedeutsam als militärische und vor allem auch als Wirtschaftsmacht, in beiderlei Hinsicht: sowohl als neue Konkurrenz und Bedrohung für den Handel auf dem Meer und im Fernen Osten als auch, in ähnlicher Weise wie in der Politik, als Projektionsfläche für Vorstellungen von einer anderen ´neuen Welt´ voller materieller Reichtümer und unvergleichlicher Karrierechancen. Fürsten interessierten sich zunehmend für die neue, im Bau befindliche prachtvolle Residenzstadt als Anlaufstelle für von ihnen protegierte Experten und Künstler.Vgl. zu Gründung und früher Baugeschichte St. Petersburgs u. a. Ol´ga G. Ageeva: „Veličajšij i slavnejšij bolee vsech gradov v svete“ grad svjatogo Petra: Peterburg v russkom obščestvennom soznanii načala XVIII veka, St. Petersburg 1999; dies.: Imperatorskij dvor Rossii, 1700-1796 gody, Moskau 2008; Paul Keenan: St Petersburg and the Russian Court, 1703-61, Basingstoke – New York 2013; Klaus Zernack: Die Gründung St. Petersburgs und ihre Logik, in: Hubel, Helmut, Joachim von Puttkamer, Ulrich Steltner (Hg.): Ein europäisches Russland oder Russland in Europa? – 300 Jahre St. Petersburg, Baden-Baden 2004, S. 99-108. Diese von ihrem zarischen Gründer provokativ nach ihm selbst benannte neue Hauptstadt Sankt-Peterburg galt auch als Inbegriff von Peters sprichwörtlicher „Europäisierung“, welche er mit seinen Reformen nach 1700 energisch, ja exzessiv und brachial vorangetrieben hatte.Zu den Reformen Peters I. und zu Peters Verhältnis zu Westeuropa vgl. u. a. Evgenij V. Anisimov: The reforms of Peter the Great: progress through coercion in Russia, Armonk, N. Y. 1993; James Cracraft: The Revolution of Peter the Great, Cambridge, Mass. 2003; Peter the Great and the West: new perspectives, hg. v. Lindsey Hughes, Basingstoke – New York 2001.
Nicht nur der Aufstieg, sondern der Wandlungsprozess Russlands mit seinen eigenen Hemmnissen, Auswüchsen und Abweichungen als nach Westen und auf Modernisierung abzielend zu verfolgen, würde aus heutiger Sicht ein Hauptmotiv für verstärkte diplomatische Berichterstattung bilden.Verschiedene Forscher weisen darauf hin, dass Russland parallel, wenn auch mit weniger Erfolg auch nach Osten strebte; vgl. z. B. Andreas Renner: „Peter der Große und Russlands Fenster nach Asien“, Antrittsvorlesung LMU München, 12.1.2016, http://www.gs-oses.de/reader/items/antrittsvorlesung-prof-dr-andreas-renner-am-12-januar-2016.html [13.6.2016]. Für die frühneuzeitlichen Staaten und ihre Diplomaten entfaltete diese in sich ihrerseits eine mit Prestige und Notwendigkeit verbundene Sogwirkung: Deutlich anzumerken ist den Relationen der Ehrgeiz der Diplomaten untereinander, über die besten Kontakte und geheimsten Informationen zu verfügen. (Daraus ergab sich für die Diplomaten eine interessante, spezifische Herausforderung: Denn gleichzeitig galt es für Diplomaten permanent, sich und ihre Berichte durch Verklausulierungen gegen das Risiko eventuell falscher Übernahmen, Darstellungen und Prognosen abzusichern.) Der Wert einer eigenen Diplomatenentsendung ergab sich schon aus der Konkurrenz mit den Nachbarn. Vieles, was es vom russischen Hof zu berichten gab, konnte als außergewöhnlich, sensationell, auch abschreckend, dargestellt werden:Vgl. zu Stereotypen und konstruierten Russlandbildern der Frühen Neuzeit z. B. Gabriele Scheidegger: Das Eigene Bild vom Anderen: Quellenkritische Überlegungen zu russisch-abendländischen Begegnungen im 16. und 17. Jahrhundert, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, NF 31, 3 (1987), S. 339-355; dies.: Perverses Abendland – barbarisches Rußland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Mißverständnisse, Zürich 1993. extreme klimatische Bedingungen und Umweltfaktoren; exzentrische, oft gewaltsame Auftritte des autokratischen Herrschers; seine inszenierten, oft respektlos verzerrenden Karikaturen und Parodien auf alle Traditionen, zumal der kirchlichen, moskowitisch-liturgischen, aber auch auf das europäische weltlich-barocke Zeremoniell;Vgl. Lorenz Erren: „Tödlicher Jähzorn“? Die Gewalttaten Peters des Großen in der Wahrnehmung von Zeitgenossen und Historikern, in: Zeitschrift für Historische Forschung 40, 3 (2013), S. 393-428. Vgl. zu Darstellungen und Interpretationen von Peters I. Kultur und „Gegenkultur“ im weitesten Sinne u. a. auch Robert Collis: The Petrine instauration: religion, esotericism and science at the court of Peter the Great, 1689-1725, Leiden u. a. 2012; James Cracraft: The Petrine Revolution in Russian Culture, Cambridge – London 2004; Jurii M. Lotman, Boris A. Uspensky; The Semiotics of Russian Culture, Ann Arbor, Mich. 1984; Ernest A. Zitser: The transfigured kingdom. Sacred parody and charismatic authority at the court of Peter the Great, Ithaca, N. Y. 2004. die illustren, heterogen zusammengesetzten russischen HofkreiseVgl. im weiteren Kontext u. a. Nikolaj Petruchincev u. Lorenz Erren: Pravjaščie ėlity i dvorjanstvo Rossii vo vremja i posle petrovskich reform (1682-1750), Moskau 2013. aus altem Adel und nicht wenigen Repräsentanten eines unerhörten sozialen Aufstiegs aus niederen Schichten, ja aus der Obskurität, in einflussreichste Positionen; dazu der grausame Tod des Sohnes Peters I. Aleksej und Peters unerhörte, selbstherrliche neue Thronfolgeregelung als erklärtes Recht des Monarchen, seine Nachfolge selbst zu bestimmen.Vgl. hierzu z. B. Peter the Great - his law on the imperial succession in Russia, 1722: the official commentary (Pravda voli Monarshei vo opredelenii naslednika derzhavy svoei / The justice of the Monarch's right to appoint the heir to his throne), ed. and transl. with an introd. and notes by A. Lentin, Oxford 1996.
Die Gründe und Aufhänger für eine ausgeschmückte Berichterstattung setzten sich nach Peters I. Tod fort. Ein herausragendes Beispiel für sozialen Aufstieg bildete die Kaiserin Katharina I. selbst, welche als Kriegsgeisel und Magd, dann als Peters I. Ehefrau ins Zentrum der Macht gelangt war.Vgl. zur Biographie Katharinas I. u. a. Anisimov: Five Empresses, S. 1-53 (hier mit der einschlägigen Kapitelüberschrift: „The Cinderella from Livland (Catherine I)“); Matthias Stadelmann: Die Romanovs, Stuttgart 2008, S. 88-92. Interessant für die ausländische diplomatische Berichterstattung war allein schon die Thronbesteigung einer Frau in Russland, kombiniert mit der Frage, mit welchem international anerkannten oder zu Vergleichszwecken konstruierten Rechtstitel sie den Thron einnahm. Faszinierend waren überhaupt die darauf folgenden raschen Herrscher- und Machtwechsel – in das Jahr 1727 fiel auch der spektakuläre Sturz Aleksandr Menšikovs –Durch außergewöhnlichen Aufstieg bekannt, in der Folge u. U. aber auch durch nicht weniger spektakulären Fall: Aleksandr D. Menšikov (1673-1729), einfacher Spielkamerad Peters I. und später Feldherr und Staatsmann unter ihm und Katharina I. bis zu Sturz und Verbannung unter Peter II.; oder Heinrich Johann Friedrich Ostermann [Andrej I. Osterman] (1687-1747), der als Jenaer Student im Duell einen Adligen getötet hatte, im Zuge seiner Flucht aus Deutschland in den russischen Dienst zur See eintrat und das Vertrauen Peters I. gewann. Er stürzte 1741 unter Elisabeth I. Vgl. zu Ostermann: Ein Deutscher am Zarenhof. Heinrich Graf Ostermann und seine Zeit 1687–1747, hg. v. Johannes Volker Wagner, Bernd Bonwetsch, Wolfram Eggling, Essen 2001. Zu Menschikow vgl. z. B. den Quellenband Trudy i Dni Aleksandra Daniloviča Menšikova. Povsednevnye zapiski delam knjazja A. D. Menšikova 1716-1720, 1726-1727 gg., Moskau 2004. in dieser durch unvorhersehbare Wendungen charakterisierten Epoche nach dem schon überraschend frühen Ende Peters I. 1725. Zwar blieben die Außenpolitik und die Bedeutung Russlands als Bündnispartner im Großen und Ganzen erfolgreich und stabil; dennoch werden aus den Diplomatenberichten der ephemere Charakter, die unbeeinflussbare, wenn durch Krankheit und Tod markierte, Vergänglichkeit bestehender Verhältnisse in dieser Übergangsphase greifbar; beispielsweise aus einer 40-seitigen Denkschrift aus dem Jahr 1727 nach Berlin, die noch neun Jahre danach die Affäre um den Carevič Alexej aufarbeitete,Vgl. GStA PK, I. HA GR, Rep 11 Ausw. Beziehungen, 6702 (Relationen über Alexej Petrowitsch und Katharina I., 1727). sowie – noch alltagsgeschichtlicher und plastischer – aus einem Schreiben des Gesandten Le Fort aus St. Petersburg vom 7. Juni 1727, das dieser in eigener Sache an seinen Adressaten Flemming in Dresden aufsetzte. In diesem Schreiben klagte er, dass zu den repräsentativen Aufwendungen für die Krönungen (Katharinas I. und ihres Nachfolgers Peter II.) und die Hochzeit (Peters I. und Katharinas I. Tochter Anna Petrovna mit dem Herzog von Holstein) nun unerwartet auch noch die hohen Kosten für die Hoftrauer hinzukämen: Denn nicht nur Katharina I. war 1727 unerwartet gestorben, sondern auch der Bräutigam ihrer anderen Tochter Elizaveta Petrovna (später Kaiserin Elisabeth I.), der Fürstbischof von Lübeck.Vgl. Relation Nr. 944. Und schließlich sollte im Spätsommer 1727 plötzlich und mitten aus seiner regen Tätigkeit der kaiserliche Gesandte Rabutin selbst durch seinen drastisch und tödlich verlaufenden gesundheitlichen Zusammenbruch herausgerissen werden – zur Bestürzung seiner Diplomatenkollegen. Unter diesen sehnte sich nun der Holsteiner Stambke um so mehr nach der Erlaubnis zur Heimkehr aus dem ihn psychisch und physisch belastenden Dienst am weit entfernten russischen Hof und setzte in seinem Bericht die Hoffnung auf seinen Herzog: „Inzwischen erkenne ich doch allezeit für eine Gnade, daß Ihro königliche Hoheit gleichwol nicht gemeynet sind, mich absolute in Rusland sterben zu lassen“.Relation Nr. 1026 [Formatierungen wie in Transkripten. Hier hell/unterstrichen: aufgelöste Abkürzungen].
Mit dem krankheitsbedingten Tod bald darauf des erst fünfzehnjährigen Peter II. (dessen Inthronisierung 1727 Rabutin noch erfolgreich mitbewirkt hatte) folgte sodann ein neuer und neuartiger Höhepunkt mit der – ihrerseits ephemeren – Verfassungskrise von 1730.Zur Verfassungskrise beim Tod Peters II. und Regierungsantritt Annas I. vgl. u. a. Aleksej Plotnikov u. Kurukin, Igor´: 19 janvarja – 25 fevralja 1730 goda. Sobytija, ljudi, dokumenty, Moskau 2010; Valerie A. Kivelson: Kinship Politics / Autocratic Politics: A Reconsideration of Early Eighteenth-Century Political Culture, in: Imperial Russia. New Histories for the Empire, hg. v. Jane Burbank u. David L. Ransel, Bloomington – Indianapolis 1998, S. 5-31. Bis dahin hatten die ausländischen Regierungen und Diplomaten die Ereignisse auch im Hinblick darauf verfolgt, wie Russland sich nach der überragenden Herrscherfigur Peters I. weiterentwickeln und etwa mit Hilfe des neu gegründeten Obersten Geheimen Rates (verchovnyj tajnyj sovet) seine innere Konsolidierung bewerkstelligen und seinen Platz im europäischen Mächtekonzert behaupten würde.Vgl. zur Epoche am russischen Hof auch Evgenij V. Anisimov: Rossija bez Petra, St. Petersburg 1994; ebenso die sowjetische Studie zur Außenpolitik nach 1725, G. A. Nekrasov: Rol´ Rossii v evropejskoj meždunarodnoj politike, 1725-1739 gg., Moskau 1976. Sie hatten aktiv und nuancenreich die personellen Veränderungen am russischen Hof und in den Außenbeziehungen, die Bündnisverhandlungen mit Wien und Berlin sowie die Vorbereitungen der ersten Teilnahme Russlands an einem Friedenskongress - in Soissons 1728/29 - verfolgt. Sie hatten genauso sich selbst und ihre Kollegen über die internationalen Vorgänge und Entwicklungen, z. B. in Spanien, auf dem Laufenden gehalten und die Perspektiven und Einmischungen durch Andere mit ihren teils abstrakten, teils vorsichtig-verklausulierten, teils offenen Begriffen prognostiziert und bewertet.Vgl. z. B. Relation Nr. 427. Jetzt, im Frühjahr 1730, bildete die, wenn auch kurzzeitige, so doch unerwartete und umstürzlerische Infragestellung der autokratischen Macht in Moskau einen Schock für die übrigen Monarchen Europas. Diese sahen vielleicht ihre eigene absolutistische Legitimationsbasis, auf jeden Fall aber ihre russischen Bündniskonstellationen gefährdet und drangen auf Auskünfte von verschiedensten Seiten.Vgl. hierzu die laufenden Forschungen von Steven Müller: Wer regiert Russland? - Das Aufbegehren des russischen Adels 1730 als Gefährdung der Monarchen Europas?, http://www2.uni-jena.de/philosophie/histinst/osteuropa/projekte.htm [13.06.2016]. Vgl. bereits speziell zu England, wo die absolute Monarchie schon abgelöst war, auch Karl-Heinz Ruffmann: Das englische Interesse am russischen Thronwechsel im Jahre 1730, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 5, 3 (1957), S. 257-270.
Die intensivierte Diplomatenberichterstattung vom russischen Hof war demnach geprägt von den raschen Abläufen und Unwägbarkeiten der Ereignisse – ebenso wie die umgekehrte Berichterstattung an den russischen Hof, die in dieser Edition unberücksichtigt bleibt. Ihrerseits ist sie zu den übergreifend und allgemein voranschreitenden kulturellen Transfer-, Austausch- und Verdichtungsprozessen der Epoche zu zählen. Um 1700 existierten ein Zeitungs- und Nachrichtenmarkt in Europa, ebenso wie Organisationsstrukturen, die man heute vielleicht als think tanks bezeichnen würde.Vgl. z. B. Astrid Blome: Das deutsche Rußlandbild im frühen 18. Jahrhundert: Untersuchungen zur zeitgenössischen Presseberichterstattung über Rußland unter Peter I., Wiesbaden 2000; Gert Robel: German travel reports on Russia and their changing function in the eighteenth century. In: Deutsch-russische Beziehungen im 18. Jahrhundert. Kultur, Wissenschaft und Diplomatie. Vorträge, gehalten anläßlich eines Arbeitsgespräches vom 29. März bis 1. April 1993 in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, hg. v. Conrad Grau, Sergej Karp, Jürgen Voss, Wiesbaden 1997. [= Wolfenbütteler Forschungen, 74], S. 291-304. Vgl. auch verschiedene Beiträge in den ersten beiden Bänden in: West-Östliche Spiegelungen. Russen und Rußland aus deutscher Sicht und Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert. Wuppertaler Projekt zur Erforschung der Geschichte deutsch-russischer Fremdenbilder unter der Leitung von Lew Kopelew, Reihen A und B, Bde. 1-5 u. 1-4, München 1985-2006. Vgl. als jüngst erschienen auch News Networks in Early Modern Europe, hg. v. Joad Raymond u. Noah Moxham, Leiden – Boston 2016. [Zugriff auf e-book: http://booksandjournals.brillonline.com/content/books/9789004277199]. Längst nicht mehr waren abenteuerliche Reiseberichte wie die von Sigmund Herberstein und Adam Olearius die einzigen Quellen der politischen Landeskunde und die vorherrschende Form der Darstellung über Russland.Vgl. z. B. Moscouia der Hauptstat in Reissen, durch Herrn Sigmunden Freyherrn zu Herberstain […], Wien 1557 (http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PPN=PPN339971460&IDDOC=123751); Adam Olearius: Ausführliche Beschreibung der Kundbaren Reyse Nach Muscow und Persien […], Schleswig ³1663 (http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-140/start.htm ). Aber mit den intensivierten Beziehungen wuchs auch die Notwendigkeit nach noch mehr Wissen. Die vertraulichen, zu großen Teilen chiffrierten (bzw. in dieser Edition die bereits dechiffrierten) Diplomatenrelationen präsentieren in diesem weiteren Kontext der Ausbildung einer frühneuzeitlichen ´Russland- und Europa-Kompetenz´ eine wichtige, spezifische und auch abgrenzbareZu Perspektiven einer kontextualisierten gattungsspezifischen Betrachtung von Gesandtendokumenten vgl. zuletzt Markus Laufs: Tagungsbericht: Wissen und Berichten. Europäische Gesandtenberichte der Frühen Neuzeit in praxeologischer Perspektive, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6579 [26.6.2016]. Form der innerstaatlichen, zwischenstaatlichen und überstaatlichen Kommunikation.

Der Quellenwert der Relationen

Vor diesem Hintergrund ist eine Vielzahl von Forschungsfragen denkbar, mit denen man an die Relationen herangehen kann. Orientierungs- und Anknüpfungspunkte stellen historiographische Ansätze und Darstellungen auf der Quellenbasis dieser, aber auch anderer Auswahlen von Relationen zur Verfügung. Hier als einige Beispiele:

Veröffentlichungskontext der Relationen

Editionsgeschichte

Angesichts des hohen Quellenwerts für viele unterschiedliche Fragestellungen und ihrer politischen Bedeutung ist ein Teil der Diplomatenberichte in früheren Editionen schon seit dem 19. Jahrhundert veröffentlicht worden. Eine erste Inangriffnahme erfolgte im Zuge des aufkeimenden Interesses an einer eigenen, nationalen Geschichtsschreibung womöglich schon unter Alexander I.: In der Handschriftenabteilung der Russischen Staatsbibliothek aufbewahrt ist der Briefwechsel von 1814 zwischen dem früheren russischen Außenminister Nikolaj P. Rumjancev und dem in Weimar geborenen Theaterschriftsteller, Publizisten und zeitweise russischen Staatsdiener August von Kotzebue. Demzufolge gab es konkrete Pläne, in den deutschen Archiven nach Dokumenten für den Abdruck zu suchen, „à enricher notre Histoire“.RGB (Rossijskaja Gosudarstvennaja Biblioteka), otdel rukopisej, P. A. No. n. 5 No. 46: Rumjancev, gr. Nikolaj Petrovič: Pis´mo k Kocebu, Avgustu Fridrichu Ferdinandu, fon. 1814, ijunija 22 SPb, franc. jaz, Bl. 1. Der damals aktuelle Kriegszustand in Europa, wohl auch die zahlreichen parallelen Projekte Kotzebues und schließlich sein gewaltsamer Tod 1819 ließen diese Pläne jedoch nicht zur Verwirklichung kommen.Zu Kotzebues Beziehungen mit dem russischen Außenministerium vgl. mit weiteren Literaturhinweisen zuletzt Franziska Schedewie: Die Bühne Europas. Russische Diplomatie und Deutschlandpolitik in Weimar, Heidelberg 2015, S. 328-354.
In den Jahrzehnten darauf hat sich speziell die 1866 gegründete (Kaiserliche) Russische Historische Gesellschaft ([Imperatorskoe] Russkoe Istoričeskoe Obščestvo, IRIO-vo) in Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen um die Erschließung der Bestände bemüht.Zur (selbst aufgeschriebenen) Geschichte der Historischen Gesellschaft anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums vgl. Imperatorskoe Russkoe Istoričeskoe Obščestvo 1866-1916, [zus.gestellt v. P. N. Žukovič u. A. S. Danno-Danilevskij], Petrograd 1916. Eine Auswahl der Texte hat sie in ihrem Periodikum ´Sbornik Imperatorskago Russkago Istoričeskago Obščestva´, kurz: SIRIO,S. Literaturverzeichnis: Bereits veröffentlichte Quellen. – Die zwischen 1867 und 1916 insgesamt 148 publizierten Bände des Sbornik (die allerdings nicht nur Diplomatenrelationen enthalten), sind als Scans einzeln online zugänglich. in den Originalsprachen und mit russischer Übersetzung abgedruckt. Zudem haben einzelne Wissenschaftler bereits seit dem 18. Jahrhundert Quellenauszüge oder ganze Sequenzen aus Relationen publiziert.S. Literaturverzeichnis: Bereits veröffentlichte Quellen.
Die Online-Edition setzt diese Arbeit grundsätzlich fort. Dass die heutige digitale Veröffentlichung im Internet auch auf der ganz rudimentären Ebene neue technische Möglichkeiten bietet, die für die älteren Printversionen nicht zur Verfügung standen, wie z. B. die automatische Volltextsuche, steht außer Frage. Daneben müssen aber noch zwei weitere Feststellungen getroffen werden, welche
4.2) erklären, weshalb eine Edition nicht nur bisher unveröffentlichter Relationen sinnvoll ist, sondern teilweise sogar die Rekapitulation schon publizierter Bestände; und die
4.3) erläutern, auf welche gleichbleibenden Herausforderungen auch dieses neue Editionsprojekt seinerseits in seinem Bearbeitungszeitraum von gut zwei Jahren gestoßen ist. Die Festlegungen, die als Lösungswege getroffen wurden, bilden nun die besonderen Editionsprinzipien.

Die Online-Edition

Zwei Begründungen für diese neue Online-Edition lassen sich vor allem nennen:
Erstens: Als eines der eindrücklichsten Ergebnisse der inhaltlichen Analyse der vertraulichen Diplomatenberichte kann die bereits erwähnte Forschungsarbeit von Paul Bushkovitch gelten, der eine geheim gehaltene, da international zu brisante, Adelsopposition gegen Peter I. sowie die parallele gezielte Desinformation der interessierten westeuropäischen Öffentlichkeit erkannte. Obwohl die Berichte des Sondergesandten Guarient an den Kaiser schon im 19. Jahrhundert bereits veröffentlicht waren, brauchte Bushkovitch für seine bahnbrechende Entdeckung die Einsicht in die Originalakten im Österreichischen Staatsarchiv. Bushkovitch zeigt, wie falsifiziert und beeinträchtigt in ihrem Verwendungswert die Publikationen waren, auf die sich die Historiographie bis dahin verlassen hatte: Das Korpus der in dem Fall durch N. G. Ustrjalov abgedruckten Quellen wies im Abgleich mit den Archivakten an entscheidenden Stellen Auslassungen auf.Bushkovitch: Aristocratic Faction, S. 98. – Bushkovitch bezieht sich hier auf die Publikationen durch N. G. Ustrjalov, Autor des umfangreichen Werks zur Regierungszeit Peters I.: N. G. Ustrjalov: Istorija carstvovanija Petra Velikogo, Bde. I-IV U. VI, St. Petersburg 1858-63. In seiner Monographie weitet er seine Vorwürfe noch aus, vgl. Paul Bushkovitch: Peter the Great. The struggle for power (s. Fn. 57), S. 5. Analoge Befunde ergaben sich auch im Zuge der Beschäftigung mit der vorliegenden Edition bezüglich anderer Bestände: Die Berliner Berichte beispielsweise, die umfangreich in SIRIO abgedruckt wurden,Gustav von Mardefeld: Diplomatičeskie dokumenty, otnosjaščiesja k istorii Rossii v XVIII veke: Iz del Prusskogo gosudarstvennogo Archiva v Berline, in: SIRIO, Bd. 15 (1875), S. 175–414. erwiesen sich bei näherem Hinsehen als bei Weitem nicht komplett, und zwar weder bezogen auf die Gesamtzahl der Relationen, noch bezogen auf die einzelnen Textlängen.In dieser Edition wurden nun aber die Berichte markiert und bei der Transkription ausgelassen, die schon in SIRIO abgedruckt sind. Die Gründe für diese Kürzungen (hier am Beispiel von SIRIO), die in der Edition nicht unmittelbar sichtbar ausgewiesen wurden, können einfach im Platzmangel für den Druck liegen, auch eventuell in einer (allerdings nicht expliziten) damaligen Überlegung, dass lange Grußformeln und Eingangskomplimente als wenig erkenntnisgewinnbringend weggelassen werden könnten – erst recht, wenn sie sich im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts auch noch gar nicht wesentlich vom 18. Jahrhundert unterschieden. Insofern läge die Ursache auch formal in den Editionsstandards. Das Problem besteht jedoch, dass die Editionen fälschlicherweise Vollständigkeit suggerieren. Überdies ist davon auszugehen, dass bedingt durch Zensurzusammenhänge und politische Rücksichten gezielt Dokumente selektiert wurden. Auch im 19. Jahrhundert handelte es sich bei Russland wie bei Deutschland noch um Monarchien, und die Empfänger der abzudruckenden Relationen waren die Vorgänger der aktuellen Staatsoberhäupter. Die Dokumente selbst wie die Frage bzw. die Art und Weise ihrer Veröffentlichung waren von hoher nationaler wie internationaler politischer Brisanz und Tragweite; es handelte sich um Fragen des Prestiges. Erster verantwortlicher Herausgeber der diplomatischen Akten in SIRIO war denn auch der Ehrenvorsitzende der Historischen Gesellschaft, der Großfürst und Thronfolger (im Jahr 1871) Alexander Alexandrovič – und somit niemand Geringerer als der spätere Zar Alexander III.Vgl. Imperatorskoe Russkoe Istoričeskoe Obščestvo, S. 72. Er schickte nach Angabe im Jubiläumsband der Gesellschaft von 1916 diplomatische Agenten aus, um in ausländischen Archiven nach relevanten Akten zu suchen.Vgl. ebd. Zutritt zu den Archiven wurde auf höchsten diplomatischen Rangebenen ersucht und erteilt, z. B. durch den Botschafter in Wien.Vgl. ebd., S. 83. Für die Berliner sowie die Dresdener Akten konnte die Gesellschaft nach eigener Angabe auf die Zuarbeit des Marburger Historikers Ernst Hermann (russ. Schreibweise: German), eines „Kenners der russischen Geschichte“, zugreifen;Ebd., S. 84. Bismarcks Sohn Herbert half bei der Ergänzung um manche Abschriften aus dem Geheimen Staatsarchiv.Vgl. ebd. – Hier ging es um den preußischen König Friedrich II. Die unveröffentlichten Redaktionskorrespondenzen und internen administrativen Akten der Russischen Historischen Gesellschaft, heute im Staatlichen Historischen Archiv in St. Petersburg (RGIA) aufbewahrt,RGIA, f. 746 (Russkoe istoričeskoe o-vo (1866-1920 gg.), op. 1. geben indessen auch Auskunft darüber, dass manche Partner ihre Seite der diplomatischen Briefe gar nicht veröffentlicht wissen wollten. Auch Herbert von Bismarck ließ den internen Akten zufolge der Historischen Gesellschaft in St. Petersburg am anderen Beispiel als in dieser Edition etwa mitteilen, sie möge die russischen Briefe – hier Katharinas II. – ruhig veröffentlichen, jedoch nicht die ihres Briefpartners, des preußischen Königs Friedrich II.: ´Die Publikation ohne Ausnahme der letzteren entspreche nicht dem Wunsch der königlichen Regierung, und wenn die Russische Historische Gesellschaft vorhabe, sie in ihre Publikationen aufzunehmen, verlange die königliche Regierung, zuvor informiert zu werden´.Ebd., d. 180, Bl. 13 (St. Petersburg, 27./15.6.1872). Die Akten der Historischen Gesellschaft in RGIA geben keine nähere Auskunft darüber, wie die Auswahl der hier behandelten Berichte 1726-27 nach Berlin zustande gekommen war. Fest steht, dass es in der älteren Edition in SIRIO bedeutende Auslassungen gibt.
Zweitens: Aus der Jubiläumspublikation der Historischen Gesellschaft von 1916 gehen auch die Prioritäten bei den Recherchen nach Diplomatenakten hervor: Die erste Publikation erfolgte demnach im 12. Band des Sbornik (SIRIO), und zwar handelte es sich um die englischen Korrespondenzen von 1762-69.Imperatorskoe Russkoe Istoričeskoe Obščestvo, S. 74. – Übergangen wurde an der Stelle, dass schon gleich im 3. und 5. Band Dresdener Akten publiziert worden waren (s. unten, Literaturverzeichis). Indiz für das implizierte Hauptinteresse an den großen Mächten. Es folgten Forschungsaufenthalte in Frankreich, Wien und die Korrespondenz mit Preußen. Unabhängig davon, dass der Erste Weltkrieg die Publikationspläne wie so viele andere Unternehmungen beenden sollte, wird hier empirisch sichtbar, dass zwar kein ausschließliches, aber doch ein vorrangiges Interesse an den großen Staaten, auch an den vermeintlich wichtigeren Beziehungen wie denen mit Preußen oder Sachsen,In der Rekapitulation im Jubiläumsband 1916 wurde Sachsen dann im Kapitel zu den auswärtigen Korrespondenzen übergangen, s. oben, Fn. 85. bestand. Aus der nationalstaatlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert lässt sich dieser Schwerpunkt unschwer interpretieren. Das 18. Jahrhundert war dagegen in hohem Maße geprägt durch das Prestige der Dynastien, die dynastischen Verbindungen und ihre strukturelle Bedeutung für das europäische System. Diese Faktoren rücken gerade die kleinen Staaten mit in den Vordergrund des Interesses. Stellen Höfe keine monolithischen Einheiten dar, wie weiter oben hier bereits formuliert,S. Kap. 2. so kommen auch mehrere Adressaten von Diplomaten am Hof in Betracht, was die Menge und Dichte der Korrespondenzen allein schon erhöht. Braunschweig-Wolfenbüttel bildet hierfür mit sechs parallelen Korrespondenzen 1727 ein besonderes Beispiel.STAWO 1 Alt 6 223 (Relationen, 1727-1730), 224 (Relationen Cramm), 229 (Relationen an Herzogin, 1727 - Juni 1729), 238 (Cramm an Münchhausen, 1727-1730), 239 (Cramm an Herzog Ferdinand Albrecht, 1727-1731), 243(Cramm an Ludwig Rudolf, 1727-1730). Dazu führte Cramm ein Diarium, STAWO 1 Alt 6 251 (Diarium Cramm, 1727-1730). Die Publikation dieser Akten steht mit wenigen AusnahmenS. oben, Fn. 14: Manfred von Boetticher (Red.): Braunschweigische Fürsten. noch aus und kann auch mit dieser Edition als Pilotprojekt nur ansatzweise erfolgen.

Herausforderungen der Online-Edition – Lösungsvorschläge als Editionsprinzipien

Hiermit ist die größte Herausforderung der gegenwärtigen Edition schon angesprochen: Der Umfang der editierbaren Akten ist sehr groß, zumal wenn die im Original oft kaum entzifferbaren Dokumente zur besseren Verständlichkeit für eine Vielzahl von Nutzern ohne Lesespezialkenntnisse transkribiert werden sollen.Die in Kurrentschrift verfassten Relationen erweisen sich durch Korrekturen, Überschreibungen, Papierbeschädigungen oder ohnehin schlecht lesbare Handschriften großenteils als sehr schwer lesbar. Durch die Transkription einer breiteren Leserschaft Zugang zu den frühneuzeitlichen russlandbezogenen Dokumenten herzustellen, bildete von Beginn an ein Ziel der Edition. Abgesehen davon stehen u. U. rechtliche Beschränkungen einer Veröffentlichung der reinen Scans entgegen. Die Größenordnung kann, wie eingangs erfolgt, quantitativ relativ genau bestimmt werden: Für den Zeitraum 1690-1730, und nur für die sechs Höfe aus dem Heiligen Römischen Reich, lagen für die Edition insgesamt ca. 45.000 beschriebene Seiten aus den Archiven vor. Diese Zahlen machen deutlich, dass es sich bei den Gesandtenberichten um ein ganzes ´Universum´ von vielfach noch gar nicht von der Forschung erfassten Quellen handelt. Gleichzeitig erklären sich die Zahlen ganz unabhängig von einschneidenden Ereignissen, die selbstverständlich viel Informations- und Korrespondenzbetrieb erforderten, aus der alltäglichen Tätigkeit der Diplomaten selbst, die sowohl in der außerordentlichen als auch und vor allem in der regelmäßigen, kontinuierlichen Berichterstattung bestand.
Im Prinzip stellen sich damit trotz allen modernen technischen Hilfen die gleichen Herausforderungen und ähnliche Grenzen des Möglichen wie an die Herausgeber im 19. Jahrhundert. Die reinen Datenmassen erfordern in vieler, unterschiedlicher Hinsicht trotz Automatisierung einen hohen Einsatz von ´Man-power´. Die Editoren stehen vor der Aufgabe, sich einen Überblick zu verschaffen und eine Auswahl und Priorisierung zu treffen. Der eingeschlagene Lösungsweg dieser Online-Edition bildet zugleich die Summe ihrer Editionsprinzipien.

Editionsprinzipien

Die Auswahl der beiden Zeiträume unmittelbar zu Beginn der Regierungszeit Peters sowie unmittelbar nach dem Tod Peters I. ist besonders geeignet, um die vollzogenen Veränderungen und die Aspekte des Wandels in Russland während zwei besonders fragiler Epochen durch die Möglichkeit zum Vergleich miteinander zu erfassen. Diese Festlegung als Maßgabe für ein Pilotprojekt wurde bereits auf der Tagung 2010 getroffen.Vgl. Tagungsbericht: Russland und der russische Hof aus der Sicht europäischer und osmanischer Diplomaten (1697-1762). (S. Fn. 1). Der Titel des Gesamtprojekts wurde mit Blick auf eine künftige Weiterbearbeitung beibehalten. Doch reduzierte sich durch die erste Präzisierung der Zeitabschnitte die Zahl der in Frage kommenden Scans nur auf nach wie vor enorme 31.178. Aus arbeitspragmatischen Gründen wurden daher noch weitere Eingrenzungen vorgenommen:

Der Vorteil der transkribierten und digitalisierten Diplomatenberichte besteht darin, dass Quellen zur russisch-europäischen Geschichte sowie vor allem zur Geschichte am Hof in Moskau/St. Petersburg auch Nutzern zugänglich werden können, die weder über Kenntnisse der russischen Sprache noch über Lesefähigkeit der frühneuzeitlichen, in dieser Edition überwiegend deutschen Handschriften verfügen. Insofern sind die Dokumente der Edition auch für Forscher der allgemeinen und vergleichenden Geschichte der Frühen Neuzeit geeignet, ebenso wie für die akademische Lehre. Von den auf viele Archive verstreuten, kaum entzifferbaren, durchgedrückten, vergilbten Dokumenten, wie auf der Hintergrundabbildung zu dieser Edition zu sehen, bis zu den transkribierten, ansprechend formatierten, aber prinzipiell inhaltlich identischen Texten in ihrer systematischen Zusammenschau hat diese Edition ihren Weg genommen. Der wichtigste Erfahrungswert aus dieser Pilotstudie einer Edition auf digitaler Datenbasis ergab sich für die Bearbeiter aus dem Umgang mit den massenhaften Daten. Dass im Ergebnis dabei die ursprünglich chiffrierten, verklausulierten, als streng geheim klassifizierten und exakt an die Souveräne und ihre Repräsentanten adressierten Relationen nun klar lesbar und im Open Access online überall auf der Welt und durch jedermann zu jeder Zeit einsehbar sind, erscheint vielleicht als Ironie der Geschichte, soll aber ihre wissenschaftliche Nutzung nur begünstigen

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Diplomatičeskaja perepiska anglijskich poslov pri russkom dvore, Č. 5 (gody s 1712 po 1719), in: SIRIO, Bd. 61, St. Petersburg 1888.

Diplomatičeskaja perepiska francuzskich poslov i poslannikov pri russkom dvore, Č. 6 (1726 i 1727 g. po 7 maja), in: SIRIO, Bd. 64, St. Petersburg 1888.

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